Warum steigen die Energiepreise? Ursachenforschung am Markt
Warum steigen die Energiepreise so stark? Eine sachliche Analyse der Ursachen: Merit-Order-Prinzip, Geopolitik, Iran-Krieg und staatliche Maßnahmen 2025/2026.
Von Inge Höger 8 Min. Lesezeit

Warum steigen die Energiepreise — diese Frage beschäftigt Millionen Haushalte und Unternehmen in Deutschland, die beim Blick auf ihre Jahresabrechnung mit immer neuen Höchstwerten konfrontiert werden. Die Antwort ist selten einfach: Hinter jedem Preisanstieg steckt ein Geflecht aus Marktmechanismen, geopolitischen Erschütterungen und staatlichen Eingriffen, die sich gegenseitig verstärken oder dämpfen können. Dieser Artikel ordnet die wichtigsten Triebkräfte sachlich ein.
Die aktuellen Faktoren der Energiepreisentwicklung 2026
Wer verstehen will, warum die Energiepreise so stark steigen, muss mehrere Ebenen gleichzeitig betrachten. Einzelne Ereignisse — ein Lieferstopp, ein Kälteeinbruch, ein geopolitischer Schock — wirken nie isoliert. Sie treffen auf strukturelle Knappheiten und auf ein Marktdesign, das Preisspitzen systemisch begünstigt.
Für das Jahr 2026 lassen sich vier zentrale Faktoren benennen:
Fossile Rohstoffpreise: Erdgas bleibt die wichtigste Referenzgröße für den europäischen Strommarkt. Obwohl der Anteil erneuerbarer Energien kontinuierlich wächst, setzt Erdgas in Zeiten hoher Nachfrage oder geringer Windausbeute weiterhin den Preis.
Netzentgelte und staatliche Abgaben: In Deutschland machen Netzentgelte, Umlagen und Steuern je nach Haushalt zwischen 40 und 55 Prozent des Strompreises aus. Das Auslaufen der staatlichen Subventionierung der Übertragungsnetzentgelte Ende 2023 hat diesen Anteil spürbar erhöht.
CO₂-Bepreisung: Der europäische Emissionshandel (EU-ETS) hat den CO₂-Zertifikatepreis in den letzten Jahren zwischen 50 und 90 Euro pro Tonne schwanken lassen. Jede Tonne CO₂, die ein fossiles Kraftwerk emittiert, verteuert die Stromerzeugung direkt.
Investitionsbedarfe in die Infrastruktur: Der Umbau der Stromnetze für die dezentrale Einspeisung aus Wind und Sonne erfordert Hunderte Milliarden Euro. Diese Kosten werden über die Netzentgelte auf die Verbraucher umgelegt.
Die Kombination dieser Faktoren erklärt, warum die Energiepreise in Deutschland auch dann hoch bleiben, wenn ein einzelner Schockfaktor — etwa ein milder Winter — vorübergehend Entlastung bringt. Zudem beeinflusst die Entwicklung der geopolitischen Auswirkungen auf Energiepreise das Marktgeschehen erheblich.
Geopolitische Dynamiken und Auswirkungen des Iran-Krieges
Der Zusammenhang zwischen Krieg und Energiepreisen ist unmittelbar: Konflikte in rohstoffreichen Regionen oder an wichtigen Transitkorridoren erhöhen das Risiko von Lieferunterbrechungen — und Märkte preisen dieses Risiko ein, bevor es real wird.
Konkret zeigt sich das am aktuellen Iran-Konflikt. Die Straße von Hormus, durch die rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Erdöls sowie große Mengen Flüssigerdgas (LNG) transportiert werden, geriet 2025 zunehmend in den Fokus militärischer Spannungen. Bereits die Ankündigung möglicher Einschränkungen ließ die Rohölsorte Brent zwischenzeitlich um mehr als 12 Dollar pro Barrel steigen — ein Aufschlag, der sich innerhalb weniger Wochen in den Gaspreisen an der europäischen TTF-Börse niederschlug.
Warum steigen die Energiepreise in Kriegszeiten so schnell? Weil Energiemärkte zutiefst auf Erwartungen reagieren. Händler und Versorger kaufen Rohstoffe auf Termin, um Versorgungssicherheit zu garantieren. Steigt die wahrgenommene Unsicherheit, steigen die Risikoprämien — und damit die Terminpreise, die wiederum die Grundlage für Haushaltstarife bilden.
Straße von Hormus: ~20 % des weltweiten Ölhandels und ~25 % des globalen LNG-Handels passieren diesen Nadelöhr-Korridor täglich. Eine vollständige Sperrung für nur 30 Tage würde nach Schätzungen des IEA die globalen Energiekosten um 15–25 % treiben.
Europa hat nach dem russischen Angriff auf die Ukraine erhebliche Anstrengungen unternommen, seine Abhängigkeit von russischem Pipelinegas zu reduzieren. Die Verlagerung auf LNG aus den USA, Katar und Norwegen hat funktioniert — aber LNG ist teurer als Pipelinegas und stärker an globale Spotmärkte gekoppelt. Das macht Europa anfälliger für geopolitische Schocks in anderen Weltregionen. Der Iran-Konflikt 2025/2026 ist insofern kein regionaler Sonderfall, sondern ein Stresstest für die neue europäische Energiearchitektur.
Das Merit-Order-Prinzip und Marktmechanismen in Deutschland
Um zu verstehen, warum die Energiepreise in Deutschland strukturell so hoch sind, führt kein Weg am sogenannten Merit-Order-Prinzip vorbei. Es ist der Kern des europäischen Strommarktdesigns — und gleichzeitig der am häufigsten missverstandene Mechanismus in der öffentlichen Debatte.
Was ist das Merit-Order-Prinzip?
Im europäischen Strombörsenhandel wird Strom nicht zu einem Durchschnittspreis aller Erzeuger verkauft. Stattdessen werden Kraftwerke in einer Rangfolge nach ihren variablen Erzeugungskosten aufgestellt — von den günstigsten (Photovoltaik, Windkraft: nahe null Grenzkosten) bis zu den teuersten (Gaskraftwerke, Ölpeaker). Die Strommenge wird nacheinander aus dieser Rangfolge abgerufen, bis der Bedarf gedeckt ist. Das teuerste noch benötigte Kraftwerk setzt den Preis für alle — auch für die billig produzierenden Erneuerbaren.
Warum führt das zu hohen Preisen?
In Zeiten schwacher Windausbeute und gleichzeitig hoher Nachfrage — kalte Winternächte ohne Wind, sogenannte Dunkelflauten — werden teure Gaskraftwerke als letzte Einheit zugeschaltet. Ihr Gaspreis bestimmt dann den Marktpreis für die gesamte gehandelte Strommenge, inklusive des Stroms aus Windparks, die für nahezu null Euro produziert haben. Das Ergebnis: Der Börsenpreis steigt steil an, weil das teuerste Grenzkraftwerk die Preisbildung dominiert.
Dieses Prinzip ist ökonomisch begründet — es schafft Investitionsanreize für teure Spitzenlastkraftwerke, die andernfalls betriebswirtschaftlich nicht rentabel wären. In einem System, das zunehmend auf Erneuerbaren basiert, gerät das Merit-Order-Modell jedoch unter Druck: Wenn Solar- und Windstrom 70 Prozent der Jahresstunden den Bedarf decken, aber die verbleibenden 30 Prozent den Jahrespreis dominieren, entsteht eine strukturelle Preisinkongruenz.
Das Merit-Order-Prinzip setzt die richtigen Anreize für Investitionen in Spitzenlastkraftwerke — aber es macht den Endpreis für Haushaltsstrom dauerhaft abhängig vom teuersten Erzeuger in der Grenzstunde.
In der Diskussion, warum die Energiepreise in Deutschland besonders hoch sind, spielt außerdem die Konzentration der Netzinfrastruktur eine Rolle. Deutschland hat vier Übertragungsnetzbetreiber (TenneT, Amprion, 50Hertz, TransnetBW), deren regulierte Erlöse über Netzentgelte auf die Verbraucher umgelegt werden. Hinzu kommen Verteilnetzentgelte, Konzessionsabgaben, Stromsteuer und die Mehrwertsteuer — ein Abgabenstapel, der in seiner Gesamtheit in Europa kaum übertroffen wird.
Staatliche Maßnahmen und das Haushaltspaket 2025/2026
Auf die Energiepreiskrise seit 2021 hat der Staat mit einer Vielzahl von Maßnahmen reagiert. Einige waren temporär und sind inzwischen ausgelaufen, andere haben dauerhaft Wirkung entfaltet — oder neue Belastungen geschaffen. Ein Überblick zeigt, wie ambivalent staatliche Eingriffe in Energiemärkte wirken können.
Die Maßnahmen der Bundesregierung im Rückblick
Die Gasumlage 2022, die zunächst Haushalte belasten sollte, wurde nach massivem politischen Widerstand zurückgezogen. Stattdessen folgte die Gaspreisbremse: Haushalte wurden für 80 Prozent ihres Vorjahresverbrauchs auf einen Referenzpreis von 12 Cent pro Kilowattstunde begrenzt. Die Strompreisbremse sicherte 40 Cent pro Kilowattstunde für dieselbe Verbrauchsmenge. Beide Maßnahmen liefen Ende 2023 aus.
Warum stiegen die Energiepreise trotz dieser Eingriffe weiter? Weil die Bremsen symptomatisch wirkten, ohne die strukturellen Ursachen zu beseitigen. Nach ihrem Auslaufen kehrte der volle Marktpreis zurück — ergänzt um gestiegene Netzentgelte, die durch die gleichzeitige Streichung der staatlichen Subventionierung der Übertragungsnetzentgelte entstanden.
Das Haushaltspaket 2025/2026
Das aktuelle Haushaltspaket setzt andere Akzente. Statt pauschaler Preisbremsen wurden zielgerichtete Entlastungen für einkommensschwache Haushalte beschlossen sowie ein Industriestrompreisprogramm, das energieintensiven Unternehmen Strom zu subventionierten 6 Cent pro Kilowattstunde anbietet — um den Abwanderungsdruck der Industrie in günstigere Energiestandorte zu mildern.
Die staatlichen Subventionen bei Energiepreisen werden hierbei zunehmend differenzierter eingesetzt: Die Fördermechanismen unterscheiden zwischen industriellen Großverbrauchern, kleinen und mittleren Unternehmen sowie Privathaushalten. Diese Differenzierung ist volkswirtschaftlich sinnvoll, erhöht aber die Komplexität der Regelwerke erheblich.
Ein Blick auf die Geschichte zeigt: Die Energiepolitik seit 2022 hat vor allem verdeutlicht, dass staatliche Eingriffe Preisspitzen abfedern, aber keine Preisniveaus dauerhaft absenken können, wenn die Ursachen im globalen Rohstoffmarkt oder im Marktdesign liegen.
Fazit: Wie belastbar sind die aktuellen Prognosen?
Warum steigen die Energiepreise — und wie lange wird das noch so weitergehen? Diese Frage lässt sich nicht mit einer Zahl beantworten, aber mit einer strukturierten Einschätzung.
Mittelfristig sprechen zwei gegenläufige Kräfte gegeneinander. Auf der einen Seite drücken zunehmende Kapazitäten aus Wind- und Solarenergie die Grenzkosten und damit den Merit-Order-Preis an der Börse tendenziell nach unten — besonders in den Mittags- und Sommerstunden. Auf der anderen Seite wachsen der Netzausbaubedarf und die Systemkosten für Flexibilität und Speicher, die über Netzentgelte finanziert werden.
Konkret bedeutet das: Der Börsenstrompreis könnte in stabilen geopolitischen Zeiten sinken, während der Endkundenpreis durch steigende Netzkosten gleichzeitig steigt. Was Verbraucher auf ihrer Rechnung sehen, ist eine Kombination aus beidem — und dieser Zusammenhang erklärt die frustrierende Beobachtung, dass günstige Großhandelspreise nicht eins zu eins beim Haushalt ankommen.
Für 2026 und darüber hinaus gilt: Solange geopolitische Risiken — vom Iran-Konflikt bis zu möglichen Spannungen im Südchinesischen Meer — das LNG-Angebot beeinflussen können, bleibt eine strukturelle Risikoprämie im Erdgaspreis eingepreist. Das Merit-Order-Prinzip überträgt diese Prämie auf den Börsenstrompreis. Und das Abgabensystem überträgt beides auf den Haushaltstarif.
Prognosen aus dem Bereich der Energiewirtschaft — etwa vom Fraunhofer ISE oder von den Übertragungsnetzbetreibern — sollten deshalb immer nach ihrer Methodik befragt werden: Modellieren sie nur den Großhandelspreis oder auch Netzentgelte und Abgaben? Betrachten sie Basisszenarien oder auch Stress-Szenarien mit geopolitischen Schocks? Wer diese Fragen stellt, kann Prognosen deutlich besser einordnen, als es die gelegentlich optimistischen Schlagzeilen suggerieren.
Häufige Fragen (FAQ)
Häufige Fragen
- Warum steigen die Energiepreise in Deutschland so stark?
- In Deutschland treffen mehrere Faktoren zusammen: Das Merit-Order-Prinzip koppelt den Börsenstrompreis an das teuerste Grenzkraftwerk, hohe Netzentgelte und Abgaben machen über die Hälfte des Endpreises aus, und globale Rohstoffpreise — vor allem für Erdgas — schwanken stark mit geopolitischen Ereignissen.
- Wie wirkt sich der Iran-Krieg auf die Energiepreise aus?
- Der Iran-Konflikt bedroht die Straße von Hormus, durch die rund 20 Prozent des weltweiten Öls und 25 Prozent des LNG transportiert werden. Bereits die Unsicherheit über mögliche Lieferunterbrechungen lässt Risikoprämien in den Terminmärkten steigen, was sich über den Gasmarkt auf den Börsenstrompreis überträgt.
- Was ist das Merit-Order-Prinzip und warum treibt es den Strompreis?
- Das Merit-Order-Prinzip bedeutet, dass das teuerste noch benötigte Kraftwerk den Preis für die gesamte gehandelte Strommenge setzt. In Zeiten hoher Nachfrage und schwacher Windausbeute sind das teure Gaskraftwerke — ihr Gaspreis bestimmt dann den Marktpreis, auch für günstig erzeugten Wind- und Solarstrom.
- Was hat die Bundesregierung gegen hohe Energiepreise unternommen?
- Von 2022 bis 2023 galten Gas- und Strompreisbremsen, die Verbrauchern für 80 Prozent ihres Vorjahresverbrauchs einen Deckelpreis garantierten. Das Haushaltspaket 2025/2026 setzt auf zielgerichtete Entlastungen für einkommensschwache Haushalte und ein Industriestrompreisprogramm mit 6 Cent pro Kilowattstunde für energieintensive Betriebe.
- Werden die Energiepreise langfristig wieder sinken?
- Steigende Kapazitäten aus Wind und Solar drücken den Börsenstrompreis tendenziell, aber gleichzeitig wachsen die Netzentgelte durch den nötigen Netzausbau. Für Endkunden bedeutet das: Börsenstrom könnte günstiger werden, der Haushaltstarif aber gleichzeitig steigen. Geopolitische Risiken bleiben eine strukturelle Unbekannte.