Wirtschaft

In welchen Berufen herrscht der größte Fachkräftemangel?

In welchen Berufen gibt es Fachkräftemangel? Engpassberufe von Pflege bis Handwerk, Ursachen wie Demografie, regionale Unterschiede und Lösungsansätze.

Von Inge Höger 8 Min. Lesezeit

in welchen berufen gibt es fachkräftemangel

Die Kita verkürzt ihre Öffnungszeiten, der Handwerker hat erst in drei Monaten einen Termin, und im Krankenhaus werden Betten gesperrt, weil Pflegepersonal fehlt. Wer wissen will, in welchen Berufen es Fachkräftemangel gibt, findet die Antwort oft schon im eigenen Alltag. Hinter den Einzelerfahrungen steht jedoch ein Muster, das sich messen lässt – und das zeigt, dass der Mangel weder überall gleich groß ist noch eine einzige Ursache hat.

Status quo: In welchen Berufen gibt es aktuell Fachkräftemangel?

Die wichtigste Quelle für die Frage, in welchen Berufen es Fachkräftemangel gibt, ist die Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit. Sie bewertet jedes Jahr Hunderte Berufsgattungen anhand mehrerer Indikatoren und stuft sie als Engpassberuf, als Beruf unter Beobachtung oder als unauffällig ein. Wer über Personalmangel in Deutschland spricht, sollte deshalb zuerst klären, was eigentlich gemessen wird.

Was als Fachkraft gilt

Die Bundesagentur unterscheidet vier Anforderungsniveaus: Helfer, Fachkräfte mit mindestens zweijähriger Berufsausbildung, Spezialisten mit Meister-, Techniker- oder Bachelorabschluss sowie Experten mit einem höheren Hochschulabschluss. Bemerkenswert ist, dass sich die Engpässe nicht vor allem bei Akademikern zeigen, sondern häufig auf dem Niveau der beruflich Qualifizierten. Der Facharbeitermangel betrifft also gerade jene Berufe, die eine duale Ausbildung voraussetzen.

Die Indikatoren der Engpassanalyse

Ein Beruf gilt nicht schon dann als Engpassberuf, wenn einzelne Betriebe klagen. Die Analyse kombiniert unter anderem die Vakanzzeit, also die Dauer bis zur Besetzung gemeldeter Stellen, das Verhältnis von Arbeitsuchenden zu offenen Stellen, die berufsspezifische Arbeitslosenquote und die Lohnentwicklung. Erst wenn mehrere Indikatoren gleichzeitig auf Knappheit hindeuten, wird ein Beruf als Engpass eingestuft.

Diese Methodik hat eine wichtige Konsequenz: Sie erfasst nur bei der Bundesagentur gemeldete Stellen. Da längst nicht alle Arbeitgeber ihre Vakanzen dort melden, bildet die Analyse die Realität eher konservativ ab. Wie sich der Mangel im Alltag niederschlägt und warum er an so vielen Stellen gleichzeitig sichtbar wird, beleuchtet der Beitrag warum aktuell überall Personal fehlt.

Die Top-Mangelberufe in Deutschland: Von Pflege bis Handwerk

Obwohl sich die Liste von Jahr zu Jahr leicht verschiebt, tauchen einige Berufsfelder in der Engpassanalyse seit Langem regelmäßig auf. Sie lassen sich grob in fünf Gruppen ordnen.

Gesundheit und Pflege

Am stärksten und dauerhaftesten betroffen sind die Gesundheits- und Pflegeberufe: Pflegefachkräfte in der Kranken- und Altenpflege, medizinische und zahnmedizinische Fachangestellte, Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten. Hier treffen eine wachsende Nachfrage durch die alternde Bevölkerung und belastende Arbeitsbedingungen aufeinander. Wie groß die Lücke in der Pflege konkret ist, ordnet der Beitrag wie viele Pflegekräfte aktuell in Deutschland fehlen ein.

Handwerk, Bau und Technik

Das zweite große Feld sind handwerkliche und technische Berufe. Besonders gesucht sind Fachkräfte in der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, in der Elektro- und Energietechnik, in der Mechatronik sowie im Hoch- und Tiefbau. Für die Energiewende sind gerade diese Berufe zentral: Wärmepumpen, Photovoltaikanlagen und Netzausbau lassen sich ohne ausgebildete Installateure und Elektroniker nicht umsetzen.

Verkehr, Erziehung und IT

In der Logistik fehlen seit Jahren Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrer sowie Triebfahrzeugführer bei der Bahn. In der frühkindlichen Bildung sind Erzieherinnen und Erzieher knapp, was sich unmittelbar auf Betreuungszeiten auswirkt. Beim Fachkräftemangel in der IT – vor allem in der Softwareentwicklung und der IT-Sicherheit – zeigt sich dagegen ein differenzierteres Bild: Die Nachfrage reagiert hier stärker auf die Konjunktur, und in wirtschaftlich schwächeren Phasen entspannt sich die Lage spürbar, ohne dass der strukturelle Bedarf verschwindet.

BerufsfeldTypische EngpassberufeHaupttreiber
Gesundheit und PflegePflegefachkräfte, Physiotherapie, medizinische FachangestellteAlterung der Bevölkerung, Arbeitsbelastung
Handwerk und BauSHK-Anlagenmechanik, Elektronik, Hoch- und TiefbauEnergiewende, Nachwuchsmangel
Verkehr und LogistikBerufskraftfahrer, TriebfahrzeugführerAltersabgänge, Arbeitszeiten
ErziehungErzieherinnen und ErzieherAusbau der Betreuung, Rechtsanspruch
ITSoftwareentwicklung, IT-SicherheitDigitalisierung, konjunkturabhängig

Ursachenanalyse: Warum die Vakanzzeit in vielen Branchen steigt

Die Vakanzzeit ist eine der zentralen Kennzahlen, um Engpässe messbar zu machen. Nach der Definition der Bundesagentur für Arbeit beschreibt sie den Zeitraum zwischen dem gewünschten Besetzungstermin einer gemeldeten Stelle und ihrer Abmeldung. Je länger eine Stelle unbesetzt bleibt, desto knapper ist das Angebot an passenden Bewerberinnen und Bewerbern. Steigt die Vakanzzeit in einem Beruf über den Durchschnitt aller Berufe, ist das ein deutliches Warnsignal.

Demografie als Haupttreiber

Der wichtigste strukturelle Faktor ist der demografische Wandel. Die geburtenstarken Jahrgänge der sogenannten Babyboomer erreichen nach und nach das Rentenalter und verlassen den Arbeitsmarkt. Die nachfolgenden Jahrgänge sind deutlich kleiner und können diese Lücke allein nicht schließen. Besonders hart trifft das Berufe mit einem hohen Anteil älterer Beschäftigter, etwa im Handwerk oder bei Berufskraftfahrern. Welche Entwicklungen dahinterstehen, erläutert der Beitrag zu den Ursachen des demografischen Wandels.

Bildungsentscheidungen und Arbeitsbedingungen

Hinzu kommen veränderte Bildungswege. Ein wachsender Teil der Schulabgängerinnen und Schulabgänger entscheidet sich für ein Studium, während viele Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben. Gleichzeitig spielen die Arbeitsbedingungen eine Rolle: Schichtdienst, körperliche Belastung und eine im Vergleich zur Verantwortung als zu niedrig empfundene Bezahlung führen dazu, dass ausgebildete Fachkräfte ihren Beruf verlassen oder ihre Arbeitszeit reduzieren.

Regionale Unterschiede und strukturelle Engpässe

Der Fachkräftemangel verteilt sich nicht gleichmäßig über das Land. In Regionen mit niedriger Arbeitslosigkeit und starker Industrie, wie in weiten Teilen Süddeutschlands, ist der Wettbewerb um qualifizierte Kräfte besonders intensiv. Wer dort eine Stelle für Elektronikerinnen oder Mechatroniker besetzen will, konkurriert mit großen Industriebetrieben und deren Löhnen.

In vielen ostdeutschen Regionen verschärft dagegen die Altersstruktur die Lage: Nach der Wiedervereinigung sind zahlreiche junge Menschen abgewandert, sodass heute überdurchschnittlich viele Beschäftigte gleichzeitig in Rente gehen. Ländliche Räume sind ohnehin stärker betroffen als Ballungszentren, weil sie für Zuziehende weniger attraktiv erscheinen und Pendelwege lang sind.

Mismatch statt bloßer Knappheit

Ein wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang ist der sogenannte Mismatch. Gemeint ist, dass Arbeitsuchende und offene Stellen nicht zueinanderpassen – fachlich, weil Qualifikationen fehlen, oder räumlich, weil Bewerberinnen und Bewerber in einer anderen Region leben. So kann es gleichzeitig Arbeitslosigkeit und unbesetzte Stellen geben. Warum dieser scheinbare Widerspruch typisch für moderne Arbeitsmärkte ist, erklärt der Beitrag Ökonomische Grundlagen: Was ist der Arbeitsmarkt?

Für die Frage, welche Berufe gefragt sind, bedeutet das: Ein Beruf kann bundesweit als Engpassberuf gelten und in einer bestimmten Region dennoch ausreichend besetzt sein – und umgekehrt.

Lösungsansätze: Maßnahmen gegen den Mangel an Fachkräften

Welche Berufe braucht Deutschland in Zukunft am meisten? Die Antwort hängt eng mit den großen Transformationen zusammen: Alterung, Energiewende und Digitalisierung. Entsprechend breit sind die Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel, die in Politik und Wirtschaft diskutiert werden.

Inländische Potenziale heben

Der erste Hebel liegt im Inland. Viele Teilzeitbeschäftigte, vor allem Frauen, würden ihre Arbeitszeit ausweiten, wenn Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen besser abgesichert wären. Ältere Beschäftigte können durch flexible Übergänge länger im Erwerbsleben gehalten werden. Und Menschen ohne Berufsabschluss lassen sich durch Teilqualifizierungen und Nachqualifizierung an Fachkraftniveau heranführen. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Bildungssystem, dessen Zuständigkeiten in Deutschland zwischen Bund und Ländern verteilt sind, wie der Beitrag Bildung und Föderalismus zeigt.

Zuwanderung und Integration

Der zweite Hebel ist die Zuwanderung qualifizierter Kräfte. Mit dem weiterentwickelten Fachkräfteeinwanderungsgesetz wurden die Hürden für Fachkräfte aus Drittstaaten gesenkt, etwa durch die Chancenkarte zur Arbeitsplatzsuche und erleichterte Anerkennungsverfahren. In der Praxis bremsen jedoch weiterhin langwierige Visa- und Anerkennungsprozesse sowie fehlende Sprachkurse. Zuwanderung wirkt nur dann nachhaltig, wenn Integration in Arbeitsmarkt und Gesellschaft gelingt – ein Thema, das der Beitrag was Integration in unserer Gesellschaft bedeutet vertieft.

Produktivität und Arbeitsbedingungen

Der dritte Hebel betrifft die Betriebe selbst. Digitalisierung und Automatisierung können Fachkräfte von Routineaufgaben entlasten, etwa durch digitale Dokumentation in der Pflege. Gleichzeitig entscheiden Löhne, planbare Arbeitszeiten und Ausbildungsangebote darüber, ob Betriebe Personal gewinnen und halten können. Hier schließt sich der Kreis zur Gegenthese: Wo Arbeitgeber attraktivere Bedingungen bieten, sinkt die Vakanzzeit oft messbar.

Häufige Fragen (FAQ)

Häufige Fragen

In welchen Berufen gibt es den größten Fachkräftemangel?
Laut der Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit sind vor allem Pflege- und Gesundheitsberufe dauerhaft betroffen, etwa Pflegefachkräfte und Physiotherapeuten. Hinzu kommen handwerkliche und technische Berufe wie Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Elektronik und Bau, außerdem Berufskraftfahrer, Erzieherinnen und Erzieher sowie Teile der IT.
Warum fehlt überall Personal?
Der wichtigste Grund ist der demografische Wandel: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente, die nachfolgenden Jahrgänge sind kleiner. Hinzu kommen veränderte Bildungswege mit mehr Studierenden und weniger Auszubildenden, belastende Arbeitsbedingungen in manchen Branchen und regionale Unterschiede zwischen Angebot und Nachfrage.
Welche Berufe braucht Deutschland in der Zukunft am meisten?
Besonders gefragt bleiben Berufe, die mit den großen Transformationen verbunden sind: Pflege und Gesundheit wegen der alternden Bevölkerung, Elektro-, Energie- und Gebäudetechnik für die Energiewende sowie IT-Berufe für die Digitalisierung. Auch Erziehung und Bildung bleiben zentral, weil sie die Fachkräfte von morgen ausbilden.
Was ist die Definition der Vakanzzeit?
Die Vakanzzeit beschreibt nach der Definition der Bundesagentur für Arbeit den Zeitraum zwischen dem gewünschten Besetzungstermin einer gemeldeten Stelle und ihrer Abmeldung. Sie zeigt, wie lange Arbeitgeber brauchen, um eine Stelle zu besetzen, und ist einer der wichtigsten Indikatoren der Engpassanalyse.
Gibt es eine aktuelle Liste der Mangelberufe für 2026?
Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht jährlich ihre Engpassanalyse, in der Berufe als Engpassberuf, als Beruf unter Beobachtung oder als unauffällig eingestuft werden. Die jeweils aktuelle Fassung ist über das Statistikangebot der Bundesagentur abrufbar. Die großen Berufsfelder mit Engpässen sind seit Jahren weitgehend stabil.
Welche Maßnahmen helfen effektiv gegen Fachkräftemangel?
Wirksam ist vor allem eine Kombination: inländische Potenziale heben, etwa durch bessere Kinderbetreuung, Weiterbildung und flexible Übergänge in die Rente; qualifizierte Zuwanderung mit schnelleren Anerkennungsverfahren und gelingender Integration; sowie attraktivere Arbeitsbedingungen und Digitalisierung in den Betrieben.